Mrs Lisa O | pleasepinchmehard
DEEP&DIRTY with Lisa Opel
(DE) mit Kristina Marlen: Wir reden zu viel über Sex und berühren uns zu wenig.
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(DE) mit Kristina Marlen: Wir reden zu viel über Sex und berühren uns zu wenig.

DEEP&DIRTY (DE) // Kristina Marlen und Lisa über Sexarbeit, Körperwissen und die Kunst, wieder lebendig zu werden.

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🔗🌟 Eine Folge über Verkörperung, Sexarbeit, Bondage, Verspieltheit, Scham und die große Frage: Wann hast du dich das letzte Mal wirklich gespürt?

Wann hast du dich das letzte Mal wirklich gespürt?

Nicht beim Sport. Nicht beim Funktionieren. Nicht beim schnellen Check-in mit deinem Körper, ob er noch brav alles mitmacht. Sondern wirklich. Mit Haut, Bauch, Becken, Herz, Lust, Scham, Neugier und allem, was da vielleicht lange nicht eingeladen wurde.

In dieser Folge spreche ich mit Kristina Marlen über Berührung als sexuelle Bildung, Sexarbeit als Körperwissen, Scham, Zensur, Bondage, Verspieltheit und darüber, warum unser Kopf zwar großartig Probleme lösen kann, aber manchmal wirklich nicht der Ort ist, an dem Lust wohnt.

Es geht um die Frage, warum so viele Menschen zwar einen Körper haben, ihn aber kaum bewohnen. Warum Berührung politisch sein kann. Warum Sexarbeit so viel mehr ist als das, was uns gesellschaftlich darüber erzählt wird. Und warum es manchmal nicht noch mehr Denken braucht, sondern einen sicheren Raum, in dem der Körper endlich sagen darf: Ach so. Ich bin ja auch noch da.


Es gibt Gespräche, bei denen man schon nach wenigen Minuten merkt: Ah. Wir reden heute nicht nur über Sexualität. Wir reden über das Leben.

Über Körper, die funktionieren, aber nicht mehr fühlen. Über Menschen, die jeden Tag aufstehen, arbeiten, scrollen, optimieren, schlafen, vielleicht noch kurz ihr Pflichtprogramm an Nähe abhaken und sich dann fragen, warum sie sich trotzdem so weit weg von sich selbst fühlen.

Und dann gibt es Menschen wie Kristina Marlen, die mit einer fast unverschämt schönen Mischung aus Klarheit, Wärme, Humor und Direktheit sagen: Vielleicht müssen wir wieder lernen, unsere Körper zu bewohnen.

Nicht als Fitnessprojekt.
Nicht als ästhetische Dauerbaustelle.
Sondern als Zuhause.

In dieser Folge von DEEP & DIRTY spreche ich mit Kristina Marlen über sexuelle Bildung durch Berührung, über Sexarbeit als Erfahrungswissen, über Scham, Zensur, Körperarbeit, Bondage, Verspieltheit und ihre Ausbildung, in der sie Sexcoaching mit dem Wissen und den Fähigkeiten von Sexworker*innen verbindet.

Und ja, zwischendurch bekam ich Gänsehaut. Mehrmals.

Der Kopf ist gut. Aber er kann nicht alles.

Wir leben in einer Zeit, in der viele von uns unglaublich gut denken können. Wir analysieren. Wir reflektieren. Wir therapieren uns durch Podcasts, Bücher, Gespräche und Instagram-Slides. Wir kennen Begriffe wie Grenzen, Consent, Trauma, Nervensystem, Attachment Styles und Selbstfürsorge.

Und trotzdem liegen viele Menschen abends im Bett und merken: Ich komme nicht mehr in meinen Körper.

Kristina beschreibt genau das als eines ihrer Hauptarbeitsfelder. Menschen kommen zu ihr, weil sie wieder spüren wollen. Weil sie merken, dass da etwas verschüttet ist. Weil sie vielleicht funktionieren, performen, optimieren, Sport machen und sogar Sexualität haben, aber trotzdem innerlich nicht wirklich da sind.

Das Spannende: Für Kristina ist der Körper kein nettes Add-on. Er ist ein Ort von Wissen.

Der Kopf kann Probleme lösen. Wunderbar. Danke, Kopf. Aber er kann nicht alles. Er kann nicht für uns fühlen. Er kann uns nicht allein sagen, wann etwas zu viel ist, wann etwas genau richtig ist, wann unser Herz aufgeht oder wann unser Bauch längst Nein sagt, während unser Mund noch höflich lächelt.

Dieses Körperwissen, sagt Kristina, haben viele Menschen verlernt. Und genau dort beginnt ihre Arbeit.

Sexarbeit als Forschungsraum

Kristina Marlen ist Sexarbeiterin, Sexeducator, somatische Sexcoachin, Physiotherapeutin, Tänzerin, Performerin, Bondage-Expertin und politische Stimme für Sexarbeiter*innenrechte. In ihrer Arbeit verbindet sie Körperwissen, Berührung, sexuelle Bildung, BDSM, Tantra, Coaching und Aktivismus.

Was sie im Gespräch immer wieder betont: Ihr Wissen kommt nicht nur aus Büchern, Theorien oder Ausbildungen. Es kommt aus direkter Erfahrung. Aus vielen Jahren Sexarbeit. Aus Tausenden Begegnungen mit Menschen, ihren Körpern, ihrer Scham, ihrer Sehnsucht, ihrer Neugier und ihrer Angst.

Für Kristina wurde Sexarbeit zu einem Forschungsraum.

Was passiert mit Menschen, wenn sie berührt werden?
Was wird möglich, wenn Nähe nicht bewertet wird?
Was zeigt sich, wenn ein Körper nicht funktionieren muss?
Was lernen wir über Lust, wenn wir nicht sofort auf Performance, Ziel und Ergebnis schielen?

Und vielleicht noch wichtiger: Warum wird über Sexarbeit gesellschaftlich so viel gesprochen, aber so selten mit echtem Respekt für das Wissen, das dort entsteht?

Kristina sagt in der Folge sehr klar, dass Sexarbeiter*innen oft intime, emotionale und körperliche Bildungsarbeit leisten. Sie begleiten Menschen an Orte, an denen reine Gespräche manchmal nicht hinkommen. An Scham. An Sehnsucht. An Kontrollverlust. An das Bedürfnis, gehalten zu werden. An die Frage: Bin ich richtig so?

Das ist nicht „nur“ Dienstleistung. Das ist auch Care-Arbeit. Körperarbeit. Manchmal sogar Friedensarbeit.

Und ja, dieser Satz bleibt hängen.

Berührung als Bildung

Ein zentraler Gedanke dieser Folge ist: Berührung kann bilden.

Nicht im Sinne von „hier ist eine Technik, lern sie auswendig“. Sondern im Sinne von: Der Körper macht eine neue Erfahrung. Und diese Erfahrung verändert etwas.

Kristina erzählt von Menschen, die zu ihr kommen und sagen: Ich weiß im Kopf längst, dass ich mich nicht schämen müsste. Ich weiß, dass mein Körper okay ist. Ich weiß, dass ich Grenzen haben darf. Ich weiß, dass ich Lust haben darf.

Aber Wissen allein reicht nicht immer. Der Kopf hat die PowerPoint-Präsentation längst vorbereitet, aber der Körper sitzt noch zitternd hinten im Raum und traut sich nicht, die Hand zu heben.

Gerade bei Scham, Unsicherheit oder alten Körpergeschichten reicht es selten, sich einfach zu sagen: „Du musst dich doch nicht schämen.“ Wie Kristina so schön trocken sagt: Guten Morgen. Das weiß der Kopf oft längst.

Die eigentliche Frage ist: Wann macht der Körper eine andere Erfahrung?

Wann fühlt er sich sicher genug?
Wann darf er weich werden?
Wann darf er neugierig sein?
Wann darf er merken: Ich werde berührt und muss nichts leisten?
Wann darf er erleben: Ich bin gemeint, aber nicht gefordert?

Das ist die Kraft von Berührung. Sie spricht eine Sprache, die älter ist als Worte.

Erde, Wasser, Feuer, Luft: Körper als Landschaft

Kristina beschreibt ihre Arbeit in verschiedenen Elementen: Erde, Wasser, Feuer und Luft.

Besonders hängen geblieben ist in unserem Gespräch das Element Erde. Dort geht es um Körperarbeit, achtsame Berührung, Wahrnehmung, Ankommen und darum, den eigenen Körper wieder als Resonanzraum zu erleben.

Viele Menschen kennen ihren Körper vor allem als etwas, das funktionieren soll. Er soll gesund sein, schön sein, leistungsfähig sein, attraktiv sein, belastbar sein. Er soll beim Sport mithalten, im Alltag nicht stören und in intimen Momenten bitte sofort wissen, was zu tun ist.

Nur: So funktioniert Lust nicht.

Kristina spricht darüber, dass Körper oft unter Druck stehen. Genitalien übrigens auch. Sie sollen plötzlich performen, feucht werden, hart werden, bereit sein, schön sein, reagieren, funktionieren. Aber wann werden sie eigentlich freundlich begrüßt? Wann darf der Körper erst mal da sein, ohne sofort liefern zu müssen?

Diese Frage klingt vielleicht simpel. Ist sie aber nicht.

Denn viele Menschen haben nie gelernt, ihren Körper liebevoll, neugierig und ohne Ziel zu bewohnen. Gerade deshalb kann achtsame Berührungsarbeit so tief gehen. Sie holt den Körper nicht in eine Show, sondern in ein Gespräch.

Kink, Bondage und die Frage: Bist du zu Hause?

Natürlich sprechen wir auch über Bondage, BDSM, Kink und die spielerischen Seiten von Kristinas Arbeit. Sie ist Bondage-Expertin, unterrichtet Fesselkunst und verbindet auch diese Bereiche mit Körperwissen, Consent und Verkörperung.

Was ich daran besonders spannend fand: Kristina beschreibt Kink nicht einfach als „fortgeschritten“. Nur weil jemand in einem Club ist, Seile benutzt, intensive Praktiken ausprobiert oder eine besonders ausgefeilte Technik beherrscht, heißt das nicht automatisch, dass diese Person wirklich im Körper ist.

Ihr Kriterium ist ein anderes:

Bist du da?
Bist du zu Hause?
Bewohnst du, was du tust?
Oder nutzt du die Intensität, um dich gerade nicht zu spüren?

Das ist eine wahnsinnig wichtige Unterscheidung.

Denn ja, intensive Erfahrungen können lebendig machen. Sie können Türen öffnen. Sie können Spiel, Lust, Mut und Kreativität wecken. Aber sie können auch benutzt werden, um zu dissoziieren, sich wegzuschießen oder das eigene Nicht-Spüren mit noch mehr Reiz zu übertönen.

Das gilt übrigens nicht nur für BDSM. Das kann auch beim ganz durchschnittlichen Standardprogramm passieren. Körperlich anwesend. Innerlich ausgecheckt.

Kristinas Arbeit stellt deshalb nicht die Frage: Wie wild ist es?

Sondern: Bist du wirklich da?

Verspieltheit als Schlüssel

Was sich durch das ganze Gespräch zieht, ist Kristinas Verspieltheit.

Nicht albern. Nicht oberflächlich. Sondern lebendig.

Sie spricht über tiefe Themen: Scham, Trauma, Sexarbeit, Körperentfremdung, gesellschaftliche Abwertung des Körpers, patriarchale Strukturen, Zensur, Selbstbestimmung. Und trotzdem ist da immer dieses Funkeln. Diese Einladung. Dieses: Komm, wir nehmen das ernst, aber wir müssen dabei nicht versteinern.

Vielleicht ist genau das so wichtig.

Viele Menschen betreten sexuelle Lernräume mit inneren Wächter*innen im Kopf. Da sitzen dann die Stimmen, die sagen: Das geht nicht. Das darfst du nicht. Was sollen die anderen denken? Bin ich komisch? Bin ich zu viel? Bin ich nicht genug? Ist das peinlich?

Kristina erzählt, dass diese Wächter*innen manchmal gar nicht bekämpft werden müssen. Manchmal darf man ihnen einfach ein Getränk in die Hand drücken und sagen: Setz dich kurz hin. Ich mache jetzt mal was anderes.

Und dann passiert etwas.

Menschen lachen.
Sie bewegen sich.
Sie berühren.
Sie probieren aus.
Sie merken: Ach. Es muss gar nicht alles so ernst sein.
Ich darf spielen.
Ich darf neugierig sein.
Ich darf lebendig sein.

Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem sexuelle Bildung nicht mehr wie Unterricht klingt, sondern wie ein Spielplatz für Erwachsene.

Warum Sexarbeit mehr Respekt verdient

Ein wichtiger Teil der Folge ist natürlich auch das Thema Sexarbeit. Kristina spricht klar über Stigma, über gesellschaftliche Missverständnisse und darüber, wie sehr Sexarbeit immer noch abgewertet wird, obwohl in ihr so viel Wissen über Nähe, Grenzen, Körper, Begehren und menschliche Verletzlichkeit steckt.

Sie setzt sich seit Jahren politisch für die Rechte und Anerkennung von Sexarbeiter*innen ein und versteht sich als sexpositive Feministin. Laut ihrer öffentlichen Biografie engagiert sie sich seit 2013 politisch für die Rechte von Sexarbeiterinnen und gegen Stigmatisierung.

Was ich an diesem Gespräch so wertvoll finde: Es verschiebt den Blick.

Weg von den Klischees.
Weg vom Voyeurismus.
Weg vom moralischen Reflex.

Hin zu der Frage: Was könnten wir lernen, wenn wir Sexarbeiter*innen wirklich zuhören würden?

Vielleicht mehr über Consent.
Mehr über Körper.
Mehr über Sehnsucht.
Mehr über Einsamkeit.
Mehr über Scham.
Mehr über die Kunst, Räume zu halten.
Mehr über das, was Menschen nie gelernt haben zu sagen, aber tief im Körper mit sich tragen.

Kristina bringt es auf den Punkt: Respect sex workers.

Die Ausbildung: Wenn Sexcoaching auf Sexwork-Wissen trifft

Ein besonders spannender Teil der Folge ist Kristinas Ausbildung.

Sie beschreibt, dass klassische Sexualberatung, Sexualpädagogik und Sexualtherapie oft sehr sprachlich und kopflastig sind. Da wird gesprochen, reflektiert, analysiert. Alles wichtig. Aber manchmal fehlt genau das, was der Körper braucht: echte verkörperte Erfahrung.

Auf der anderen Seite gibt es die Welt der Sexarbeit, in der Menschen sehr praktisch, intim und erlebnisorientiert begleitet werden. Sexarbeiter*innen haben oft ein enormes Erfahrungswissen. Aber sie sind nicht automatisch darin ausgebildet, prozessorientiert zu arbeiten, also Menschen bewusst durch Themen wie Scham, Kontrollverlust, Grenzen, Körperwahrnehmung oder Lustentwicklung zu begleiten.

Kristina will diese beiden Welten verbinden.

Ihre Ausbildung führt somatisches Sexcoaching mit dem Wissen von Sexworker*innen zusammen. Es geht um Berührung, Nähe, Hands-on-Lust, Körperarbeit, Consent, Prozessbegleitung und darum, Sexualität nicht nur zu besprechen, sondern als Erfahrungsraum zu verstehen.

Das ist groß. Und ehrlich gesagt: dringend nötig.

Denn viele Menschen wissen heute sehr viel über Sexualität. Aber Wissen allein bringt uns nicht automatisch zurück in den Körper.

Wann hast du dich das letzte Mal gespürt?

Diese Frage zieht sich für mich wie ein roter Faden durch die Folge.

Wann hast du dich das letzte Mal gespürt?

Nicht nur als Körper, der etwas leisten muss.
Nicht nur als Gesicht im Spiegel.
Nicht nur als Projekt, das optimiert werden soll.
Nicht nur als Partnerin, Mutter, Arbeitnehmerin, Kundin, Content-Konsumentin oder Mensch mit To-do-Liste.

Sondern als lebendiges Wesen.

Mit Haut.
Mit Hunger.
Mit Grenzen.
Mit Lust.
Mit Müdigkeit.
Mit Sehnsucht.
Mit Humor.
Mit einem Körper, der vielleicht nicht kaputt ist, sondern nur lange nicht gefragt wurde.

Kristina sagt am Ende der Folge: Respektiert eure Körper. Liebt eure Körper. Feiert eure Körper. Berührt euch. Findet eure Menschen. Findet eure Herde. Macht es nicht alles allein.

Und vielleicht ist das die schönste Einladung dieser Folge.

Nicht noch ein Selbstoptimierungsprojekt.
Nicht noch ein „Du musst nur mehr an dir arbeiten“.
Sondern ein liebevoller, beherzter Schritt zurück in den Körper.

Dorthin, wo das Leben nicht perfekt ist.
Aber echt.


Kurz-Bio Kristina Marlen

Kristina Marlen ist Sexarbeiterin, Sexeducator, somatische Sexcoachin, Physiotherapeutin, Tänzerin, Performerin und Bondage-Expertin. Ihre Arbeit verbindet Körperwissen, Berührung, sexuelle Bildung, BDSM, Tantra, Consent und feministische Perspektiven auf Sexarbeit. Sie entwickelte eine eigene Form der Körperarbeit und begleitet Menschen in Sessions, Workshops, Ausbildungen und Online-Räumen dabei, Sexualität als Erfahrungs-, Lern- und Transformationsraum zu entdecken.

Als politische Stimme setzt sie sich für sexuelle Selbstbestimmung, die Rechte von Sexarbeiter*innen und gegen Stigmatisierung, Zensur und Beschämung ein. Ihre Arbeit wurde unter anderem in Medien wie ARD, WDR, ZEIT und Tagesspiegel aufgegriffen.


Links

Webpages:

www.marlen.me
www.marlensworld.com

Instagram: @kristina.marlen


Die ganze Folge hören:
Das vollständige Gespräch bei Deep & Dirty findest du überall dort, wo es Podcasts gibt.

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